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Interview: «Ein destruktiver Prozess, der tödlich enden kann»

Welches Verhalten von Chefs begünstigt Mobbing?

Nico Rubeli: Wenn es Tabuisierungen gibt, Graubereiche, wenn potenziell illegales oder Werte verletzendes Verhalten ver- tuscht wird oder private oder intime Deu- tungen und Bedeutungen den professio- nellen Raum verändern und aufladen, dann fördert das Mobbing.

Sind nicht viele Opfer selber mitbeteiligt?

Rubeli: Das wird oft behauptet, ebenso wie Opfern gerne eine Schwierigkeit im Cha- rakter unterstellt wird. Wissenschaftliche Studien beweisen aber, dass das so nicht haltbar ist. Mobbing ist ein destruktiver Prozess, der sogar tödlich enden kann, der sich weiter und weiter verselbstständigt und sich stets neue Opfer sucht, bis er er- kannt und gestoppt wird. Das geschieht völlig unabhängig von den Opfern.

Mobbing wird zum Modebegriff. Gibt es tatsächlich so viele Fälle?

Rubeli: Es gibt Arbeitnehmer, die das Wort Mobbing falsch verwenden, weil es so kraftvoll ist, psychische, persönliche oder andere Probleme zu benennen. Das sind aber keine Mobbing-Fälle, sondern eben andere schwierige Situationen, an denen Arbeitnehmer leiden. Für die Fachperson gibt es klare und objektive Kriterien, was Mobbing ist und was nicht.

Wie soll eine Führungskraft reagieren?

Rubeli: Am wichtigsten ist es, sofort eine externe neutrale und unabhängige Fach- person zur Beurteilung, zur Unterbre- chung der Gewalt generierenden Spirale und zur Neuorientierung einzusetzen. Oft gehört zu einer Nachbearbeitung auch, die internen Strukturen zu verbessern, Werte zu überarbeiten und alle Beteiligten zu Korrekturprozessen zu verpflichten.

Wie können Chefs Mobbing verhindern?

Rubeli: Sie müssen transparente Struktu- ren und Entscheidungen schaffen, einen klaren und konkreten Wertekonsens um- setzen, welcher sich auf Prozesse in der Branche und vor allem qualitativ auf das Produkt bezieht. Zudem brauchen sie unabhängige, neutrale Vertrauens- und Fachpersonen, die gleichzeitig anonym beraten und konkret eingreifen können.

Wie gehen diese Vertrauenspersonen vor?

Rubeli: Sie sind stets erreichbar und dür- fen vertraulich Coaching anbieten. Ihre Beurteilungen von aussen sind unabhän- gig von Machtstrukturen und persönli- chen Beziehungen und sollen erwünscht, gehört und umgesetzt werden. Alle Mitar- beitenden sollen bei Bedarf externe Fach- stellen direkt, aus eigener Motivation und sofort einbeziehen können, ohne vorher bei Vorgesetzten um Erlaubnis zu bitten. Die externen Fachpersonen sind vorher von der Geschäftsleitung als Vertrauens- personen für alle Beteiligten zu ernennen.

 

Das Interview führte M. STÄUBLI-RODUNER / HZ